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Herbert X. Maier"In Wendelins Flur und Keplers Vermessung"12.11.-3.12. 2023
Mit „complementary“ bezeichnete Maier eine Serie (Komplementärserie) mit in vielen Jahren entwickelten malerischen Bildpaaren. Auf ungegenständliche Malerei antwortet ein naturalistisch gemaltes Objekt, manchmal Kopf, Relikt, Artefakt oder ein Tier, wie bei dem Motiv der Einladung in Weil der Stadt. Einerseits wird ein empirischer Gegenstand malerisch nach seiner Form befragt und erscheint ohne seinen Kontext und meist stark vergrößert in einem vielschichtigen Aufbau mit transparenten Farblasuren als Farbenraumkörper. Entgegengesetzt dazu entstehen Farbenraumkörper aus rein malerischen Mitteln, aus Flächen und Farben, die sich über Monate hinweg in unzähligen Lasurschichten zur Dinglichkeit verdichten. So fassen Bilder in eins, was Begriffe auseinanderhalten. Alles ist im Fluss und voller Beziehung in seiner zeitlich und technisch aufwändigen Malerei, die oft sehr großformatige Bilder hervorbringt. Alle Bildmotive bewahren ein Eigenleben, bleiben aber letztlich, obwohl imposant, geheimnisvoll unerklärlich. Man könnte von anregender Ungewissheit sprechen. Im Schnittpunkt der Bildvorstellungen ist auch der Betrachter entscheidend – er hält den Spannungsbogen der scheinbaren Widersprüche. Viele Motive findet der Künstler auch auf Reisen und wirken exotisch. Manche Studienblätter sagen nicht gleich, was dieses oder jenes bedeutet. Beschreibung reibt sich auch am Widerstand des Unvertrauten. Ein Bild, das den Namen verdient ist immer mehr als das, was sich darüber rasch sagen lässt. Mehr als ein Quantum visueller Information.
„Herbert X. Maier mit großen Bildern in Weil der Stadt – wirklich große Kunst bezüglich der technischen Qualität wie des äußeren und künstlerischen Formats! Diese Wertschätzung klang auch in den Grußworten von Jürgen Katz an, der als Beigeordneter Grußworte der Stadt Künstler, Kunstforum und Besuchern der Vernissage übermittelte. Von Maiers Doppelbildern, bei denen sich Figuratives mit Abstraktem komplementär geheimnisvoll ergänzt, war er sichtlich beeindruckt und fand dazu ein passendes Klee-Zitat: Die Kunst gibt nicht das Sichtbare wieder, sondern macht sichtbar“. Im unterhaltsam geführten Einführungsgespräch zwischen Herbert X. Maier und HP Schlotter wies dieser stolz darauf hin, dass der in Freiburg beheimatete und international tätige Künstler von sich aus Kontakt zum Kunstforum aufgenommen hatte - die Qualität der Ausstellungen in der Wendelinskapelle spricht sich also durchaus in gehobenen Künstlerkreisen herum. Größere Bildformate bekommt man nicht in die Kapelle! Dass sie auch Skeptiker informeller Kunst überzeugen, liegt zum einen am Kunstkniff mit Bildpaaren: die Perfektion des Gegenständlichen der einen Seite steigert Wert und Akzeptanz der abstrakten Arbeit. Wobei künstlerischer Aufwand und Mühe bei der Abstraktion viel höher sind als beim mehr als fotogenauen Bild, erstaunte der Künstler die Zuhörer. Zum anderen: Auch wenn Herbert X. Maier betont, er sei kein Geschichtenmaler, hilft dem Betrachter der Hinweis, dass die Lichterfahrung der Fensterrose von Saint Chapelle in Paris sein Auslöser für das 3,2 x 4 Meter große abstrakte Ölbild „Speicher/malanggan“ (hinter dem Künstler) gewesen sei. Kein Abbild, eher Speicherung und Verarbeitung einer Erinnerung, Stimmung! Aber doch kein Stimmungsbild mit atmosphärischem Licht-Schattenspiel - seine Bilder leuchten von innen heraus mit Hilfe unzähliger Farblasuren, hier erreicht nach fast 5 Jahre langer Arbeitsprozedur! Neben Riesen-Formaten von Herbert X. Maier gibt es oft kleine Bilder mit gleichem Motiv. „Klein bedeutet Zwiesprache, groß ist Entgrenzung“ erläutert der Künstler. „Früher wurden Kirchen vollständig ausgemalt zu einem Gesamtkunstwerk - heute gibt es Tafelbilder.“ Er freue sich deshalb, in einer Kapelle ausstellen zu dürfen und betrachte deren Wände nun jeweils als ein Bild, bei dem die Fenster zur Komposition gehören.
Herbert X. Maier wird bei "Kunst im Gespräch" zur Finissage von zahlreichen Fragen der Besucher herausgefordert: nein, die vierteilige Arbeit „Speicher, melanggan“ ist kein Hochformat, wurde nicht aus Platzmangel wegen des Heizkörpers quer gehängt; sie zeige zwar auch das Wechselspiel von Glasscheiben und gotischem Maßwerk, mehr noch aber kunstvolle Raumverstrickungen wie bei Malanggan-Schnitzereien in Papua-Neuguinea, so der vielgereiste Künstler. Auf diesen Arbeitsreisen habe er viel gelernt, gespeichert - daher der Titel! Nein, eine Akademie habe er nicht besucht, studiert habe er in der Natur und direkt in Ateliers berühmter Künstler wie Emilio Vedova. Gegenständliche behandele er wie abstrakte Bilder und umgekehrt, es geht immer um Form und Verhältnis der Formen zueinander, Spannung! Wenn ein Thema für ihn „durch“ sei, wird gewechselt. Oder eben Abstraktion mit Gegenständlichkeit konfrontiert - und der Betrachter ist gefordert - Danke!
Klaus Kugler"Harmonia mundi?"17.9. - 8.10.2023
Harmonia Mundi? „Die Entdeckung der Weltharmonie“ ist ein Buch über Johannes Kepler betitelt. Der große Sohn Weil der Stadts zählt bekanntlich als Astronom zu den Begründern der modernen Naturwissenschaft. Ein Modell zum „Mysterium cosmographicum“ (Weltgeheimnis von 1596) zeigt Keplers Vorstellung, dass die sechs damals bekannten Planeten auf Kugelschalbahnen die Sonne umkreisen - eine Vorstellung, die er später aufgegeben hat. Auf dieses Modell bezieht sich Kugler in seiner Komposition von 2007 “Harmonia Mundi, Hommage à Johannes Kepler“, die auf der Einladungskarte zur Ausstellung in der Wendelinskapelle abgebildet ist, allerdings in einer Umgebung, die an der geordneten Welt Keplers zweifeln lässt. So hat Kugler seinem Ausstellungstitel „Harmonia Mundi?“ auch das Fragezeichen hinzugefügt.
Großer Publikumsandrang erwartungsgemäß zur Ausstellungseröffnung. Bürgermeister Walter war allerdings mit Ratsmitgliedern übers Wochenende zum Empfang in die italienische Partnerstadt Bra gereist, Stellvertreter übernahmen in Weil der Stadt also die Begrüßung bei der Jubiläumsveranstaltung in der Wendelinskapelle: Dr. Marko Burkhard vom Kunstforum konnte zur Ausstellung „Harmonia mundi?“ anlässlich des 80. Geburtstages von Klaus Kugler die zahlreichen Vernissagegäste in und sogar außen vor der Kapelle nur per Mikrofon erreichen, Martin Buhl überbrachte an den bekannten und geschätzten langjährigen Lehrer an der hiesigen Realschule die Grußworte der Stadt. Auf seine Randnotiz, er war selbst auch einer der unzähligen Schüler des Kunstlehrers, konterte Kugler trocken mit „und trotzdem haben Sie es so weit gebracht“! Nach diesem allgemeinen Heiterkeitserfolg übernahm Prof. Rainer Bendel im Gespräch mit dem Künstler eine kenntnisreiche und erhellende Einführung in dessen vielschichtiges Werk. Zahlreiche seiner detailfreudigen, surreal-verfremdeten Werke seien brandaktuell in unseren Tagen, charakterisierte Kunsthistoriker Bendel die Motive des inzwischen 81-jährigen ehemaligen Weiler Kunsterziehers: „Ganz oben steht der Mensch in seiner Welt und seinem Ausgeliefertsein, entsprechend dem Fortschreiten der Zeit ist es bei Kugler die Konfrontation mit den zivilisatorischen Errungenschaften und den technischen Erfindungen, mit deren Zerstörungen von Lebensgrundlagen.“ Dabei seien die Bilder beim genauen Zusehen durchaus optimistisch: „Wie plötzliche Gedanken sind Zitate eingeblendet, Fragmente, die überraschen, verfremden, erheitern, Perspektiven eröffnen.“ Am 2. Ausstellungssonntag erläuterte der Künstler in einer gesondert angekündigte Erklärungsstunde seine Kunsttechniken selbst: „Als Inspiration reicht mir ein Klecks, irgendeine Farbschliere“, erstaunte der altmeisterlich arbeitende Vertreter der ‚Wiener Schule’, der „virtuose Meister des kleinen und mittleren Formats“ (H. Scheunchen) über 100 Kunstinteressierte. In Abklatschflecken erkenne er Figuratives, entdecke Bedeutungen und finde Inhalte. Das Alleinstellungsmerkmal Kuglers allerdings ist seine Malerei auf elektronischen Leiterplatten und er wies damit schon in den 1980er Jahren vorausschauend auf die Vernetzung des Menschen und seiner Welt mit dem Computer hin! Zwei seiner Schülerinnen waren davon nachhaltig beeindruckt – sie erschienen nun in der Kapelle mit selbst hergestellten Arm- und Halsschmuck eben aus Leiterplatten! Überhaupt war die Wendelinskapelle Begegnungsort für viele ehemalige Schüler Kuglers. Einer überbrachte gar historische Fotos der Realschule, die unter der Regie des umtriebigen Kunsterziehers zum opulent gestalteten visuellen Ereignis verwandelt wurde. Nach rekordverdächtiger Besucherzahl und ebensolchem Bilderverkauf ging die Ausstellung schließlich wie gewohnt mit einem Kunstgespräch zu Ende. Ungewohnt reichhaltig bestückt war „Harmonia mundi?“, obwohl jedes Bild an sich schon eine Fülle von Motiven, Hinweisen und technischen Besonderheiten aufwies. Hilfreich konnte ein Ausschnittfensterchen sein – nicht um Rosinen herauszupicken, sondern um kunsttechnischen Fertigkeiten und einer Vielzahl trotz dramatischem Grundton oft auch humorvoller Motive nachspüren und würdigen zu können! Auffallend, dass Kugler sich schon sehr früh einer konkreten Darstellung und aktueller Thematik verpflichtet fühlte, aber nie einem Zeitgeist unterordnete! Kunst- und Architekturfahrt Ulm17.06.2023kunsthalle weishaupt Ulm "Reine Formsache" und Stadtführung „Mittelalter trifft Moderne
Eckhard Kremers"Croce"23.4.-14.5.2023 | ||

